IHD - Gibt es ausreichend bedarfsgerechte barrierefreie Wohnungen in Sachsen?

Um diese Frage beantworten zu können, wurde im Auftrag des Sächsischen Staatsministeriums des Innern eine umfangreiche Studie durch das IHD gemeinsam mit ATB durchgeführt. In dieser Studie wurden Menschen mit Behinderung zu ihren persönlichen Erfahrungen mit der eigenen Wohnung befragt und Aussagen aufgenommen, welche Anforderungen die Wohnsituation bestehen bzw. was sie bei der Benutzung beeinträchtigt. Mit Hilfe der Ergebnisse sollen Handlungsbedarfe erkannt und Grundlagen für die Planung konkreter Maßnahmen abgeleitet werden.

Insgesamt konnten 2.400 Antworten von Menschen mit Behinderung in die Auswertung aufgenommen werden. Aus den Aussagen der Teilnehmer/-innen zu ihren Wohnanforderungen wurden MUSS-Kriterien für die Bewertung von Bestandswohnungen definiert. Sind diese eingehalten, dann kann davon ausgegangen werden, dass die Wohnung bedarfsgerecht barrierefrei ist. Bei den MUSS-Kriterien wird zwischen Anforderungen bei motorischer und bei sensorischer Behinderung unterschieden - sie stellen ein Mindestanforderungsniveau für Bestandsbauten dar.

Darüber hinaus wurden erstmals Kriterienkataloge für bedarfsgerecht barrierefreie Wohnungen, unterschieden in drei unterschiedliche Gruppen motorischer Behinderung und zwei Gruppen sensorischer Behinderung, erarbeitet. Diese Kriterienkataloge können als Grundlage für Neubauten für die jeweilige Gruppe herangezogen werden. Für Menschen mit Behinderung sind flächenbezogene Anforderungen besonders wichtig, die es ihnen ermöglichen, mit ihrem Rollator oder Rollstuhl gut zurechtzukommen. Auch die einfache und sichere Überwindung von Höhenunterschieden ist wichtig. Für Menschen mit sensorischer Behinderung stehen sicherheitsrelevante Anforderungen im Vordergrund. Besonders wichtig war den Befragten z.B., ob sie ihren Müllcontainer gut erreichen und benutzen können.

Erwartungsgemäß waren für die Befragten der Zugangsbereich des Hauses, die Treppen und Aufzüge sowie das Bad diejenigen Schwerpunktbereiche, in denen fehlende Eigenschaften besonders beeinträchtigen. In diesen Bereichen werden Grundlagen benötigt, um die Wohnung bei Bedarf an Kompetenzeinschränkungen oder Behinderung anpassen zu können. Wenn die Wohnung einige wichtige Grundeigenschaften erfüllt, besteht für die meisten Behinderungen die Möglichkeit, die notwendige bedarfsgerechte Barrierefreiheit durch Nachrüstung herzustellen.

Aktuell bewohnen in Sachsen fast 88 % der Menschen mit motorischen Behinderungen Wohnungen, die den definierten MUSS-Kriterien für bedarfsgerecht barrierefreie Bestandsbauten nicht oder nur teilweise entsprechen. Es besteht daher ein absoluter Anpassungsbedarf der Wohnsituation motorisch behinderter Menschen, der von heute etwa 74.000 bis 2030 noch auf 77.000 Wohnungen ansteigt.

Menschen mit sensorischen Behinderungen leben heute zu 64,4 % in Wohnungen, die die für diese Zielgruppe definierten MUSS-Kriterien nicht oder nur teilweise erfüllen. Sachsenweit besteht damit ein Anpassungsbedarf für sensorisch behinderte Menschen, der von heute etwa 26.000 bis 2030 noch auf ca. 27.000 Wohnungen ansteigt.

Ansprechpartner für die Studie im IHD sind: Susanne Trabandt (susanne.trabandt@ihd-dresden.de) und Linda Geißler (linda.geissler@ihd-dresden.de).